Freunde des LWL-Freilichtmuseums Detmold - Westfälisches Landesmuseum für Volkskunde e.V. (Freunde des Freilichtmuseums Detmold)

Die vergessenen Nachbarn

Das Wohnhaus der jüdischen Familie Uhlmann aus Höxter-Ovenhausen

Obwohl bereits seit längerem in den Planungen des LWL-Freilichtmuseums Detmold verankert, konnte das Alltagsleben der jüdischen Bevölkerung in den ländlichen Gebieten Westfalens hier bisher nicht dargestellt werden. Schon seit 1992 bemühte sich das Museum um den Wiederaufbau eines Gebäudes, das das Leben dieser zahlenmäßig recht kleinen religiösen Minderheit dokumentieren konnte. Ende der neunziger Jahre endlich bot sich mit dem Wohnhaus der jüdischen Familie Uhlmann in Höxter-Ovenhausen die einmalige Gelegenheit, am Beispiel eines der letzten - fast unversehrt erhaltenen - dörflichen Wohn- und Geschäftshäuser aus früherem jüdischen Besitz Aspekte des Lebens ländlicher Juden in Westfalen zu vermitteln.

Das Gebäude - ursprünglich 1803-1805 von dem jüdischen Händler Bernd Soistmann (ab 1808 Steilberg) erbaut - hat eine ununterbrochene jüdische Besitzertradition, die bis zur Deportation seiner letzten Bewohner, der Familie Uhlmann, im Jahre 1941 nachweisbar ist. Da trotz des hohen kulturgeschichtlichen Wertes eine angemessene Erhaltung am ursprünglichen Ort in Ovenhausen (Kreis Höxter) nicht möglich war, konnte nur eine Translozierung in das LWL-Freilichtmuseum Detmold den Fortbestand des Hauses gewährleisten. Begleitend dazu wurde ein Forschungsprojekt angestoßen, dessen Ergebnisse im November 2006 in dem Band "Die vergessenen Nachbarn. Juden auf dem Lande in Westfalen" publiziert werden konnten.

Menschen jüdischen Glaubens lebten seit Jahrhunderten in westfälischen Kleinstädten und Dörfern. Als kleine religiöse Minderheit, aber mit wichtigen Funktionen im ländlichen Wirtschaftsleben hatten sie Teil an einer vielfältigen, traditionsgebundenen ländlichen Kultur, waren eingebunden in eine Dorfgemeinschaft, die auf ihre Tätigkeiten im Waren-, Vieh- und Getreidehandel, aber auch als Kreditgeber angewiesen war. Ein keineswegs konfliktfreies, aber dennoch nachbarschaftliches Verhältnis zwischen Christen und Juden hatte sich etabliert. Dies ist heute schon fast vergessen.

Tief sitzende, religiös und wirtschaftlich motivierten Vorurteilen belasteten einerseits die Beziehungen, die aber andererseits seit dem 19. Jahrhundert auch Anzeichen sowohl von Integration als auch von Assimilation erkennen ließen. Abzulesen ist dies etwa an Mitgliedschaften in dörflichen Vereinen oder gegenseitigen Hilfeleistungen. Erst die systematische Diffamierung, Entrechtung und schließlich Ermordung der jüdischen Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus zerstörte diese gewachsenen, nachbarschaftlichen Beziehungen. Heute, mehr als 60 Jahre nach dem Holocaust, drohen unsere ehemaligen jüdischen Nachbarn endgültig in Vergessenheit zu geraten.

Durch den pädagogischen Auftrag des LWL-Freilichtmuseums als Landesmuseum für Volkskunde werden einem breiten Publikum nun Inhalte veranschaulicht, die in dieser Form noch nicht thematisiert wurden. Auf den Punkt gebracht, lässt sich in der Rückschau die Geschichte dieses Hauses als beispielhafte und geradezu einzigartige Chance bezeichnen, zur Erinnerung an die jüdische Geschichte des ländlichen Westfalen beizutragen. Das konkrete Beispiel des Hauses Uhlmann aus Ovenhausen und die Geschichte seiner Bewohner steht für die Geschichte der Juden "auf dem Dorf" im östlichen Westfalen, beginnend bei den historischen Hintergründen der Novelle "Die Judenbuche" von Annette von Droste-Hülshoff, die weit in das 18. Jahrhundert zurückreichen, über fast zwei Jahrhunderte christlich-jüdischer Nachbarschaft bis zu deren gewaltsamem Ende in der Zeit des Nationalsozialismus.